„Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“
— Dr. phil. Helmut Josef Michael Kohl
Der Schäftemacher zählt wohl zu den unbekanntesten Berufen. „Papa und Mama machen halbe Schuhe“, war die Antwort unserer Kinder, wenn diese auf dem Beruf der Eltern angesprochen wurden, denn niemand konnte mit dem Begriff Schäftemacher etwas anfangen.
Als Schäfte bezeichnet man die Oberteile von Schuhen, also zirka 90% des auf den ersten Blick sichtbaren Teils eines Schuhes. Tatsächlich könnte man sagen dass ein Schäftemacher Kleider für die Füße schneidert. Denn wie ein Schneider fertigt er nach den Maßen der Füße Schnittmuster an, schneidet Leder und Stoffe zu und näht diese zu einem dreidimensionalen Gebilde zusammen.
Dabei muss er äußerst präzise vorgehen. Anders als bei Stoffen, gibt es bei Leder keinen zweiten Versuch. Einmal vernäht, hinterlässt die Nähnadel Löcher im teuren Leder.
Der Größenunterscheid zwischen zwei Schuhgrößen beträgt nur 6,67mm. Ein einzelner Schaft besteht aus vielen Elementen und wenn beim Modellieren, beim Zuschneiden oder beim Zusammenbau der vielen Teile nur vier kleine Fehler mit einer Ungenauigkeit von nur ca.1mm einschleichen, ist der Schaft am Ende eine halbe Schuhgröße zu klein oder zu groß. Zudem haben die verschiedenen Leder sehr unterschiedliche Eigenschaften – sie sind mal weicher, mal fester.
All dies muss ein Schäftemacher berücksichtigen, damit die späteren Träger der Schuhe viel und lange Freude an den Handgefertigten Schuhen haben.
Schäfte (Schuhoberteile) wurden bis ca. 1860 vollständig von Hand genäht. Die Einführung der Nähmaschine in der zweiten Hälfte des 19. Jh. führte schnell zur industriellen Fertigung von Schuhen in Manufakturen und Fabriken. Fabrikgefertigte Schuhe hatten den Vorteil dass diese sofort verfügbar waren und die Kunden aus vielen Materialien wählen könnten.
Um gegen die Schuhfabriken bestehen zu können, mussten Schuhmacher nun schneller fertigen und immer mehr verschiedene Leder und Stoffe ankaufen. Eine große Materialauswahl ist jedoch für eine kleine Schuhmacherei sehr teuer und die neuen Nähmaschinen waren früher für viele unbezahlbar. So kam es in der Folge zur Gründung von Schäftemachereien, die sich auf die Anfertigung von Schuhoberteilen spezialisierten.
Die beiden Weltkriege im 20. Jh., mit ca. zwei Millionen staatlich anerkannten Kriegsversehrten allein auf deutscher Seite, von denen viele Verletzungen an den Füßen und Beinen hatten, waren die Geburtsstunde der heutigen Orthopädieschuhtechnik. Die Orthopädieschuhmacher waren stark gefordert und die Nachfrage nach Schäften für Orthopädisches Schuhwerk nahm enorm zu. Dies führte zwar zu vielen Neugründungen von Schäftemachereien, aber leider nicht dazu das man den Schäftemachern ein eigenes Berufsbild gab. Vergeblich forderten Schäftemacher immer wieder das Recht Ausbilden zu dürfen. Dennoch gelang es den Schäftemachern nur in der ehemaligen DDR und in Österreich ein eigenes Berufsbild (Oberteilherrichter) zu erhalten. Damit war es fast unmöglich in Deutschland qualifizierten Nachwuchs auszubilden.
Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger Jahren führte die Einführung von halbindustriellen „Fertigschäften“ zur Schließung vieler Schäftemachereien. Der Umsatz brach teilweise um 70% ein. Die BSE-Krise führte zu einer Verteuerung von Leder, zeitgleich stieg der Druck der Krankenkassen auf die Preise. Schäftemacher gerieten zwischen Hammer und Amboss. 2015 existierten nur noch zirka 10% der Schäftemachereien im Vergleich zu 1980. Einige der überlebenden Werkstätten investierten in teure digitale Technik, um so effizienter und kostengünstiger zu produzieren. Andere verlagerten die Fertigung in Niedriglohnländer. Beide Wege können sich negativ auf die Qualität auswirken, führen aber insbesondere langfristig zu einem Verlust an handwerkliches Können.
Heute ist das Ourtsourcen der kompletten Fertigung Orthopädiescher Schuhe (Schaft- und Bodenbau) in Niedriglohnländer die größte Bedrohung für den Schaftbau. Denn für jeden „Boden“, der Fern von Deutschland gebaut wird, benötigt man auch keinen Schaft mehr aus heimischer Fertigung. Es besteht die Gefahr, dass dadurch die letzten gewachsenen Versorgungstrukturen von lokalen Schäftemachereien, Lederhändlern, Werkzeugherstellern… nachhaltig verloren gehen.
Auf unsere Anregung, mit viel Engagement und Unterstützung des Zentralverbandes des Deutschen Schuhmacherhandwerks (ZDS), gelang es im Zuge der Novellierung des Berufsbildes des Schuhmachers, mit Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 23.02.2018, erstmals den Schaftbau als Ausbildungsberuf in Deutschland zu etablieren.
Das neue Berufsbild heißt: „Maßschuhmacher:in in der Fachrichtung Schaftbau“